Kapitel 27: Bedeutung des Internets und sozialer Medien für Wissen und Bildung

von Ulrike Cress, Joachim Kimmerle und Friedrich W. Hesse

Digitale Technologie spielt im Rahmen formaler Bildung eine zunehmende Rolle: Tablets können als digitale Lehrbücher dienen, interaktive Tafeln ersetzen die traditionelle Kreidetafel, und Lernmanagementsysteme regeln den Zugang zu Lernmaterialien – um nur einige prominente Beispiele zu nennen. Dass diese Technologien nicht nur traditionelle Lehrmedien ergänzen oder ersetzen, sondern darüber hinaus besondere Potenziale für das Lernen bieten, wurde im vorangehenden Kapitel (► Kap. 26) dargelegt.

In weitaus stärkerem Maße aber als in Orten der formalen Bildung ist der Mensch in seinem Alltag mit digitalen Technologien konfrontiert. Das Internet ist ein umfassender Wissensspeicher, auf den Menschen mittels mobiler Endgeräte jederzeit und von jedem Ort aus zugreifen können. Dabei machen die Werkzeuge des Web 2.0 (O’Reilley 2006) das Internet zu einem sozialen Netz, das Interaktion und Kollaboration zwischen Nutzerinnen und Nutzern erlaubt und ihnen die Möglichkeit gibt, selbst Wissensartefakte zu erzeugen und anderen zugänglich zu machen.

Das vorliegende Kapitel zeigt zunächst die hohe Verbreitung und Nutzung dieser Technologien bei Kindern und Erwachsenen auf und macht dann deutlich, dass soziale Medien nicht nur als Werkzeuge zur Verfügung stehen, sondern dass sie unser Verständnis von Wissen und Bildung grundlegend beeinflussen können. Das Internet und seine sozialen Medien ermöglichen den Zugang zu einer Vielzahl von Informationen, die relevant für Wissen und Bildung sein können. Sie ermöglichen darüber hinaus, dass sich Personen aktiv an Diskursen beteiligen und selbst zur Produktion von Wissen beitragen können. So steht im Vordergrund dieses Kapitels nicht, dass Webinhalte Lerninhalte sein können, die von Lernenden erworben werden müssen. Stattdessen weist das Kapitel darauf hin, dass es bildungsrelevant ist, die externen Inhalte und Kommunikationskanäle angemessen nutzen zu können. So sind die Fähigkeiten, sicher mit Informationstechnologien umzugehen, Informationen aus dem Web zu nutzen, sie kritisch zu beurteilen, Informationen zu teilen und mit anderen zu kooperieren wichtige Kompetenzen, die Schüler und Schülerinnen dringend benötigen und die deshalb auch zentrale Bestandteile der „21st Century Skills“ darstellen (Jerald 2009; OECD 2005; Partnership for 21st Century Skills 2009). Das Kapitel zeigt auf, inwieweit digitale Technologie „Bildung“ unterstützen kann, nämlich Bildung, verstanden im kosmopolitischen und humboldtschen Sinne: als Erweiterung des eigenen Horizonts, als Wissen um und Offenheit für die Meinung anderer, deren Interpretationen und Erklärungsansätze. Bildung im weitesten Sinne ist dann die Fähigkeit, von extern verfügbarem Wissen angemessen Gebrauch machen zu können, sich mit entsprechenden wissensrelevanten Gemeinschaften zu vernetzen und am öffentlichen Dialog zu partizipieren.

Natürlich sind soziale Medien nicht nur mit Potenzialen, sondern auch mit Schwierigkeiten und Gefahren verbunden. So können gerade soziale Medien einseitige Informationsselektion und -verarbeitung fördern, anstatt zum Dialog mit anderen Meinungen zu motivieren und den eigenen Horizont zu erweitern. Aktuelle Internettechnologien wie Suchmaschinen oder Vorschlagsysteme verstärken diese Gefahr. Um soziale Medien nutzbringend auch in der formalen Bildung einsetzen zu können, sind Lernökologien notwendig, die einen Raum bieten, in dem Lernende authentische Probleme lösen können, dazu auf Ressourcen zugreifen, Wissen teilen und selbst konstruieren können und in dem sie dabei – quasi beiläufig – selbst Wissen erwerben. So zeigt das Kapitel auf, wie Kinder in Lernumgebungen wie beispielsweise dem Knowledge Forum und der Plattform Scratch aktiv an Wissensgemeinschaften teilnehmen und neben den allgemeinen 21st Century Skills inhaltsspezifisches Wissen erwerben.

Der vollständige Beitrag im Buch gliedert sich wie folgt:

27.1  Verbreitung und Nutzung des Internets und sozialer Medien

27.2  Verfügbarkeit und Zugriff auf externes Wissen

27.3  Vernetzung und Partizipation als Bildungsziele

27.4  Potenziale sozialer Medien für Vernetzung und Partizipation

27.5  Barrieren für Vernetzung und Partizipation

27.6  Herausforderungen und Chancen für formale Bildungskontexte

27.7  Ausblick