Kapitel 4: Bildungsort Familie

von Sabine Walper und Mariana Grgic

Trotz ihres merklichen Strukturwandels ist die Familie als Ort des informellen Lernens nicht nur der früheste Bildungsort, sondern auch derjenige, der Kinder und Jugendliche am dauerhaftesten und umfassendsten beeinflusst. Bildungsrelevante Einflüsse der Familie sind eingebettet in vielfältige Prozesse familialer Sozialisation, die hier zunächst aus einer bereichsspezifischen und entwicklungsbezogenen Perspektive beleuchtet werden. So vollzieht sich der Kompetenzerwerb von Kindern im Kontext familialer Bindungs- und Kooperationsbeziehungen, die Schutz vermitteln, Spielräume für Exploration eröffnen und die Kooperationsbereitschaft von Kindern stärken. Die Kompetenzentwicklung wird gefördert durch (alters-)angemessene Verhaltensanforderungen im Kontext elterlicher Lenkung und Kontrolle, die im Verbund mit hoher Responsivität bzw. Wärme den besonders entwicklungsförderlichen autoritativen Erziehungsstil charakterisiert. Nicht zuletzt profitiert die Kompetenzentwicklung von elterlichem Instruktionsverhalten, das sich dem Entwicklungsstand und den Verstehensmöglichkeiten der Kinder anpasst. Auch die Teilhabe von Kindern an familialen Routinen und Ritualen, die das Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl stärken, bietet Gelegenheitsstrukturen zur Vermittlung bildungsrelevanter Erfahrungen.

Die Ausgestaltung dieser Prozesse wird beeinflusst durch familiale Ressourcen, die von den sozioökonomischen Lebensbedingungen über familienstrukturelle Merkmale bis zur Gesundheit der Eltern reichen. Vor allem die Bedeutung sozioökonomischer und damit verbundener kultureller Ressourcen für die Kompetenzentwicklung von Kindern und Jugendlichen wird in zahlreichen Studien hervorgehoben. Entsprechende Einflüsse der sozialen Herkunft zeigen sich in den Kompetenzen, die in der Familie vermittelt werden (primäre Herkunftseffekte), darüber hinaus aber auch in den Bildungsentscheidungen, durch die Eltern ihren Kindern den Zugang zu außerfamilialen Bildungsangeboten eröffnen (sekundäre Herkunftseffekte). Unterschiedlich verlaufende Bildungsbiografien sind demnach sowohl ein Ergebnis von kompetenzbedingten Herkunftseffekten als auch von unterschiedlichen Bildungsentscheidungen der Familie.

Bezüge der Familie zu anderen Bildungsinstitutionen manifestieren sich zunächst in diesen Bildungsentscheidungen, etwa bei der Schulwahl am Übertritt in die Sekundarstufe, mit der die intergenerationale Kontinuität von Bildungsabschlüssen verstärkt wird. Direktere Formen der Elternbeteiligung werden im Zuge der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft von Bildungseinrichtung und Elternhaus eröffnet. Kennzeichnend für die elterliche Involviertheit in schulische Belange der Kinder ist sowohl das Engagement von Eltern im Kontext der Schule (school-based involvement) als auch die Lernförderung durch die Eltern im häuslichen Kontext (home-based involvement). Entsprechende Programme zur Stärkung der elterlichen Involviertheit scheinen auch dazu beizutragen, schulische Leistungen der Kinder zu fördern.

Im Entwicklungsverlauf der Kinder kommen vielfältige Aspekte der direkten und indirekten Kompetenzförderung durch die Eltern zum Tragen. Wie die ausführliche Darstellung aufzeigt, reichen diese von der frühen Sprachförderung im reziproken Austausch mit dem Säugling über die Vermittlung von schulischen Vorläuferfähigkeiten im Kindergartenalter, die Begleitung und Unterstützung des schulischen Lernens bis hin zur Beratung bei Berufswahl-Entscheidungen. Hierbei können Eltern auf vielfältige Beratungsangebote zurückgreifen, die sie in ihrer Rolle als Bildungsbegleiter ihrer Kinder unterstützen. Wesentliche Bemühungen sind hierbei auf die Reduktion sozialer Disparitäten ausgerichtet.

Der vollständige Beitrag im Buch gliedert sich wie folgt:

4.1    Zur Einführung: Familien in Deutschland

  • 4.1.1   Vielfalt und Wandel von Familien
  • 4.1.2   Trends in den Lebenslagen von Familien

4.2    Theoretische Perspektiven auf Familie als Bildungsort

  • 4.2.1   Eine bereichsspezifische Perspektive auf familiale Sozialisation
  • 4.2.2   Die entwicklungsbezogene Perspektive
  • 4.2.3   Bildungsrelevante Ressourcen von Familien
  • 4.2.4   Familien als Türöffner und Kooperationspartner für andere Bildungsorte

4.3    Bildungsort Familie im Entwicklungsverlauf

  • 4.3.1   Säuglings- und Kleinkindalter
  • 4.3.2   Kindergarten- und Vorschulalter
  • 4.3.3   Einschulung, Grundschulalter und Übertritt in die Sekundarstufe
  • 4.3.4   Familien mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen

4.4    Fazit und Ausblick